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 Laborbeaglehilfe e.V.
 z. Hd. Gisela Wertich
 Keilerweg 1
 D - 35428 Langgöns
 

Chronologie einer Rettung

Um es gleich vorweg zu nehmen: 99 % aller Beagle, die aus dem Labor frei gelassen werden, haben keine gesundheitlichen Schäden, sind tierärztlich betreut worden, geimpft und im Regelfall gechipt. Lilly ist erst der zweite Fall eines gesundheitlich angeschlagenen Laborbeagles, den ich in 5 Jahren erlebe.

Ich schildere den Fall von Lilly, um deutlich zu machen, wie ein Teil der Schutzgebühren verwendet wird, um bedürftige Laborbeagle zu retten und ihnen ein hundewürdiges Leben zu ermöglichen. Und ich möchte klar machen, dass es manchmal der Geduld, des Glaubens und Hartnäckigkeit und Kampfesmutes bedarf, um einen scheinbar hoffnungslosen Fall zu einem vorläufig glücklichen Ende zu bringen.

30.11.2007:
Lilly kommt frei. Sie ist 8 Jahre alt und hat ihr ganzes bisheriges Leben als Zuchthündin mit ein bis zwei Würfen pro Jahr gearbeitet. Weil wahrscheinlich aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters keine Interessenten vorhanden sind, kommt Lilly zunächst auf eine unserer Pflegestellen bei einer Hundetrainerin in fortgeschrittener 3 – Jahres – Ausbildung, die bereits einen Laborbeagle von unserer Organisation hat.

17.12.2007:
Die Pflegestelle gibt uns telefonisch Bericht über Lillys Zustand. Lilly hat eine eingeschränkte Sehfähigkeit: auf weitere Entfernung sieht sie gut, sie läuft aber gegen alle Gegenstände in kurzer Entfernung und stolpert über Hindernisse im Nahbereich. Außerdem hat sie Phasen starker Hyperaktivität. Auch ihre Hörfähigkeit scheint stark eingeschränkt. Wir beschließen, Lilly von einem Fachtierarzt in Hamburg auf Kosten der Laborbeaglehilfe untersuchen zu lassen und faxen die Kostenübernahme an den Tierarzt.

18.12. 2007:
Der Facharzt lässt Lilly durch einen Hindernis - Parcours laufen und bestätigt nach der Untersuchung die Weitsichtigkeit und die eingeschränkte Hörfähigkeit in bestimmten Frequenzbereichen. Merkwürdig ist allerdings, dass Augen und Ohren physiologisch eigentlich in Ordnung sind, die Verarbeitung der Sinnesreize aber gestört scheint.

26.12. 2007:
Die Pflegestelle berichtet, dass sie den Eindruck hat, Lillys Herzschlag sei unregelmäßig und setze teilweise aus. Außerdem habe Lilly am frühen Abend einen leichten epileptischen Anfall gehabt. Wir entscheiden, diesen Sachverhalt am nächsten Tag beim Tierarzt der Pflegestelle abklären zu lassen.

27.12. 2007:
Der Tierarzt diagnostiziert einen Herzfehler 4. Grades (es gibt insgesamt wohl 5 Schwere - Grade). Gegen die Epilepsie verordnet er Luminaletten. Zur genaueren Abklärung empfiehlt er eine fachtierärztliche Klinik nördlich von Hamburg. In der Nacht verschlimmern sich die Symptome massiv. Lilly hat mehrere epileptische Anfälle.

28.12. 2007:
Als uns die Pflegestelle früh morgens informiert, entscheiden wir, Lilly sofort in die empfohlene Fachklinik bringen zu lassen, benachrichtigen die Klinik telefonisch und faxen die Kostenübernahme, während unsere Pflegestelle den Hund zur Klinik transportiert, wo Lilly kurz nach dem Eintreffen den nächsten Anfall bekommt. Die Klinik nimmt den Hund stationär auf und verabreicht Luminal zur Behandlung der epileptischen Anfälle.
Ein weiterer Tierarzt, den wir telefonisch befragen, was er in einem solchen Fall tun würde, gibt uns den „hilfreichen“ Hinweis: „Sofort einschläfern !“, was er gerade letzte Woche bei einem Hund gemacht habe. Wir bedanken uns und entscheiden um Lilly zu kämpfen.

29.12.2007:'
Lillys Blut wird untersucht. Außerdem wird ein CT (Computertomographie) des Kopfbereiches gemacht (was mehrere hundert Euro kostet). Einen Befund erhalten wir bis heute nicht. Die Pflegestelle informiert uns, dass sie sich wie durchgeschleust und als lästig empfunden gefühlt habe. Die weiteren Ereignisse bestätigen diesen Eindruck.

30.12. 2007:
Die Klinik meldet sich und sagt, Lilly müsse möglichst schnell entlassen werden. Die epileptischen Anfälle seien im Griff und der Hund versuche aus dem Käfig auszubrechen, den er schon ansatzweise demoliert habe. Man habe den Hund aus dem Käfig lassen müssen und jetzt störe er durch seine Hyperaktivität den Klinikablauf.
Eine neue Pflegestelle muss her, da die alte (nachvollziehbar) emotional am Ende ihrer Kräfte ist. Wir entscheiden, Lilly bei uns aufzunehmen, da momentan keine andere Pflegestelle verfügbar ist.

31.12. 2007:
Wir holen Lilly ab und nehmen sie gemeinsam mit unseren eigenen 5 Laborhunden mit in den Urlaub an die Ostsee.

31.12. 2007 – 06.01. 2008:
Lilly hat keine weiteren epileptischen Anfälle. Das Luminal hilft hervorragend.
Lilly läuft gegen Hindernisse im Nahbereich und stolpert durch die Gegend. Auch ihre Hörfähigkeit ist eingeschränkt.
Wenn sie versucht, sich zu drehen, knickt ihre Hinterhand weg und sie fällt hin.
Bei Frustration, z.B. wenn sie nicht an Essen auf der Anrichte kommt, jault sie lautstark.
Ihre Aufmerksamkeit und ihr Lernvermögen ist eingeschränkt, wahrscheinlich als Folge der unbehandelten Epilepsie über längere Zeit (jeder Anfall kostet Gehirnzellen). Der Hund ist offensichtlich geistig behindert.
Was uns fast zur Verzweiflung und an den Rand des Nervenzusammenbruches bringt, ist ihre Hyperaktivität: Lilly läuft 21 Stunden am Tag herum, zeigt Verhaltenstereotypien wie stundenlanges Hin – und Herlaufen, surft unentwegt am Küchentresen hin und her, Stunden lang, Tage lang.
Dass Lilly draußen jeden Kothaufen findet und zu fressen versucht, ist das Geringste der Probleme. Das kennen wir von anderen ehemaligen Zuchthündinnen schon, wenn auch nicht in diesem Extrem.
Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass Lilly gut leinenführig ist. Im eingezäunten Gelände kann sie frei laufen. Sie ist nicht ängstlich und verträglich mit Hund und Katze. Sie ist kein Futtermäkler und Kostverächter.

02.01. 2008:
Weil wir bei Lilly eine Entzündung und Schwellung im Halsbereich festgestellt haben, gehen wir mit ihr zu unserem Vertrauensarzt in Scharbeutz. Dieser nimmt sich viel Zeit (so wie wir ihn kennen) für Lilly.
Er diagnostiziert Spondilose („Dafür brauche ich kein Röntgengerät ! Das sieht man als Tierarzt. Und Hunde mit längerem Rücken neigen dazu.“). Zusätzlich stellt er eine nervlich bedingte leicht verzögerte muskuläre Reaktion der rechten Hinterhand fest.
Gegen die Entzündung verordnet er Antibiotika (die auch helfen).
Er informiert uns gründlich über die Anzeichen und Folgen von Epilepsie und gibt weiter Luminal. Außerdem empfiehlt er Lilly vor Reizüberflutung als möglichen Auslöser der Anfälle zu schützen.
Er untersucht das Herz und identifiziert die sogenannten Aussetzer als normale respiratorische Aussetzer. Außerdem erklärt er uns, dass Lilly aufgrund ihres Alters ein Nachlassen der Dehnbarkeit ihrer Herzklappen hat, so dass bei jedem Herzschlag ein bisschen Blut in die Herzkammer zurück fließt. Dies hätten aber etliche ältere Hunde und es sei nicht lebensbedrohlich und schon gar nicht ein Herzleiden vierten Grades.
Etwas beruhigter verlassen wir die Praxis.

02.01. – 12.01. 2008:
Wir entwickeln ein Therapieprogramm für Lilly und setzen es um:
Durch Luminal sind die epileptischen Anfälle verschwunden. Wir schützen Lilly vor Reizüberflutung, da sie zum einen bei vielen Reizen übererregbar ist, zum anderen Reize langsamer verarbeitet als andere Hunde und damit schnell überfordert ist. Durch zusätzliche spezielle Massagen und Tellington Touch wird Lilly entspannter. Die Phasen der Hyperaktivität haben sich von 21 auf 3 Stunden reduziert. Lilly schläft dreimal am Tag jeweils eine Stunde und die Nacht durch.
Durch Treppensteigen und lange Spaziergänge auf unebenem Waldboden werden Muskeln aufgebaut und die Körperkoordination trainiert. In der Folge normalisiert sich die Funktion der rechten Hinterhand, Lilly läuft normal und knickt bei Drehungen nicht mehr hinten weg. Ihre Kondition ist stark verbessert, ihre Leinenführigkeit hervorragend.
Durch eigens für Lilly entwickelte und auf sie zugeschnittene körpersprachliche Signale ist sie wesentlich aufmerksamer und leichter und stressfreier zu führen.
Aus der Verzweiflung, wo uns nur die Hoffnung getragen hat, ist jetzt Zuversicht geworden. Lilly macht Fortschritte.
Außerdem hat sich eine ernsthafte Interessentin gemeldet, die einen Beagle mit Epilepsie (sie nennt das „Gewitterköpfchen“) hat und sich als Krankenschwester gut damit auskennt. Sie wäre bereit Lilly zu übernehmen. Solche Menschen sind rar gesät !

12.01.2008:
Der Vertrauenstierarzt unseres Vereins (eigentlich ein bekannter Experte für Koi – Karpfen und Reptilien, aber mit eigener Kleintierpraxis) untersucht Lilly und stellt durch Befühlen fest, dass sie Gebärmuttertumore hat. Er ist entsetzt, dass dies vorher nicht festgestellt wurde, weil der eine seiner Ansicht nach sofort tastbar ist.
Außerdem sichtet er die CT – Aufnahmen und findet eine Wasseransammlung im Gehirn (die die Fachpraxis nicht gefunden hat), seiner Meinung nach verursacht durch ein körperliches Trauma (Sturz, Stoß, Schlag), welches aber vom Körper nach und nach abgebaut wird.
Die Diagnose Krebs ist ein schwerer Schlag für uns alle. All das Bemühen, der Einsatz ! Und was das Wichtigste ist: Dieser Hund will leben !
Unser Tierarzt bietet an, Lilly kostenlos zu operieren. Wir entscheiden gemeinsam schweren Herzens und mit Tränen in den Augen, dass sie nicht mehr aus der Narkose erwachen soll, wenn Metastasen in anderen Organen gefunden werden. Wir haben alles getan, was humaner Tierschutz verlangt, was getan werden konnte und musste. Wenn der Hund schon nicht in Würde und ohne Leid gelebt hat, so soll er in Würde sterben und danach ein schönes Begräbnis und ein schönes Grab bekommen. Aber vorher kämpfen wir noch ! Bis zur Operation bleibt sie in unserer Obhut. Außerdem bekommt sie ein anderes Medikament gegen die Epilepsie mit weniger Nebenwirkungen (welches ebenfalls wirksam ist).

17.01. 2008:
Lilly wird operiert. Während der Operation bekommt sie einen epileptischen Anfall. Da unser Tierarzt darauf vorbereitet war, bekommt er die Komplikation in den Griff. Er rettet Lillys Leben. Da keine Metastasen gefunden werden, darf sie weiter leben. Eine gute Nachricht, die uns alle glücklich macht. Außerdem haben wir jetzt zwei Interessenten, die Lilly trotz ihrer Krankheitsgeschichte gern haben möchten. Der zweite ist unser erster Vorsitzender, Henri Hiesener. Allerdings müssen wir noch seine Frau Christa überzeugen, einen weiteren Hund in das bestehende Rudel aufzunehmen. Abends holen wir Lilly bei Christa ab, wo sie nach der Operation hingebracht wurde.

18.01. 2008:
Lilly ist noch angeschlagen und müde nach der Operation, hat nicht so rechte Lust sich zu bewegen und schläft viel.

19.01. 2008:
Henri und Christa kommen überraschend vorbei. Christa hat sich in Lilly verliebt, als sie den Hund nach der Operation betreut hat. Lilly darf jetzt in einem Rudel leben mit Marlowe (Foxhound, 5 Jahre), Lovely (Beagle, 12 Jahre) und Shanti (Neufundländer, 9 Jahre). Besser hätte es Lilly nicht treffen können.

19.01. 2008 – 29.01. 2008:
Lilli lebt sich gut ein und wird vom Rudel sofort integriert. Sie schläft viel und fühlt sich bei guter Pflege sehr wohl.

Soviel zu Lillys Geschichte. Mögen noch viele gute Tage vor ihr liegen !

 

 

 
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