Chronologie einer Rettung
Um es gleich
vorweg zu nehmen: 99 % aller Beagle, die aus dem Labor
frei gelassen werden, haben keine gesundheitlichen
Schäden, sind tierärztlich betreut worden,
geimpft und im Regelfall gechipt. Lilly ist erst der
zweite Fall eines gesundheitlich angeschlagenen Laborbeagles,
den ich in 5 Jahren erlebe.
Ich schildere den Fall von
Lilly, um deutlich zu machen, wie ein Teil der Schutzgebühren
verwendet wird, um bedürftige Laborbeagle zu
retten und ihnen ein hundewürdiges Leben zu ermöglichen.
Und ich möchte klar machen, dass es manchmal
der Geduld, des Glaubens und Hartnäckigkeit und
Kampfesmutes bedarf, um einen scheinbar hoffnungslosen
Fall zu einem vorläufig glücklichen Ende
zu bringen.
30.11.2007:
Lilly kommt
frei. Sie ist 8 Jahre alt und hat ihr ganzes bisheriges
Leben als Zuchthündin mit ein bis zwei Würfen
pro Jahr gearbeitet. Weil wahrscheinlich aufgrund
ihres fortgeschrittenen Alters keine Interessenten
vorhanden sind, kommt Lilly zunächst auf eine
unserer Pflegestellen bei einer Hundetrainerin in
fortgeschrittener 3 – Jahres – Ausbildung,
die bereits einen Laborbeagle von unserer Organisation
hat.
17.12.2007:
Die Pflegestelle gibt uns telefonisch Bericht
über Lillys Zustand. Lilly hat eine eingeschränkte
Sehfähigkeit: auf weitere Entfernung sieht sie
gut, sie läuft aber gegen alle Gegenstände
in kurzer Entfernung und stolpert über Hindernisse
im Nahbereich. Außerdem hat sie Phasen starker
Hyperaktivität. Auch ihre Hörfähigkeit
scheint stark eingeschränkt. Wir beschließen,
Lilly von einem Fachtierarzt in Hamburg auf Kosten
der Laborbeaglehilfe untersuchen zu lassen und faxen
die Kostenübernahme an den Tierarzt.
18.12. 2007:
Der Facharzt
lässt Lilly durch einen Hindernis - Parcours
laufen und bestätigt nach der Untersuchung die
Weitsichtigkeit und die eingeschränkte Hörfähigkeit
in bestimmten Frequenzbereichen. Merkwürdig ist
allerdings, dass Augen und Ohren physiologisch eigentlich
in Ordnung sind, die Verarbeitung der Sinnesreize
aber gestört scheint.
26.12. 2007:
Die Pflegestelle berichtet,
dass sie den Eindruck hat, Lillys Herzschlag sei unregelmäßig
und setze teilweise aus. Außerdem habe Lilly
am frühen Abend einen leichten epileptischen
Anfall gehabt. Wir entscheiden, diesen Sachverhalt
am nächsten Tag beim Tierarzt der Pflegestelle
abklären zu lassen.
27.12. 2007:
Der Tierarzt diagnostiziert
einen Herzfehler 4. Grades (es gibt insgesamt wohl
5 Schwere - Grade). Gegen die Epilepsie verordnet
er Luminaletten. Zur genaueren Abklärung empfiehlt
er eine fachtierärztliche Klinik nördlich
von Hamburg. In der Nacht verschlimmern sich die Symptome
massiv. Lilly hat mehrere epileptische Anfälle.
28.12. 2007:
Als uns die
Pflegestelle früh morgens informiert, entscheiden
wir, Lilly sofort in die empfohlene Fachklinik bringen
zu lassen, benachrichtigen die Klinik telefonisch
und faxen die Kostenübernahme, während unsere
Pflegestelle den Hund zur Klinik transportiert, wo
Lilly kurz nach dem Eintreffen den nächsten Anfall
bekommt. Die Klinik nimmt den Hund stationär
auf und verabreicht Luminal zur Behandlung der epileptischen
Anfälle.
Ein weiterer Tierarzt, den wir telefonisch befragen,
was er in einem solchen Fall tun würde, gibt
uns den „hilfreichen“ Hinweis: „Sofort
einschläfern !“, was er gerade letzte Woche
bei einem Hund gemacht habe. Wir bedanken uns und
entscheiden um Lilly zu kämpfen.
29.12.2007:'
Lillys Blut wird untersucht. Außerdem wird ein
CT (Computertomographie) des Kopfbereiches gemacht
(was mehrere hundert Euro kostet). Einen Befund erhalten
wir bis heute nicht. Die Pflegestelle informiert uns,
dass sie sich wie durchgeschleust und als lästig
empfunden gefühlt habe. Die weiteren Ereignisse
bestätigen diesen Eindruck.
30.12. 2007:
Die Klinik meldet
sich und sagt, Lilly müsse möglichst schnell
entlassen werden. Die epileptischen Anfälle seien
im Griff und der Hund versuche aus dem Käfig
auszubrechen, den er schon ansatzweise demoliert habe.
Man habe den Hund aus dem Käfig lassen müssen
und jetzt störe er durch seine Hyperaktivität
den Klinikablauf.
Eine neue Pflegestelle
muss her, da die alte (nachvollziehbar) emotional
am Ende ihrer Kräfte ist. Wir entscheiden, Lilly
bei uns aufzunehmen, da momentan keine andere Pflegestelle
verfügbar ist.
31.12. 2007:
Wir holen Lilly
ab und nehmen sie gemeinsam mit unseren eigenen 5
Laborhunden mit in den Urlaub an die Ostsee.
31.12. 2007 –
06.01. 2008:
Lilly hat keine
weiteren epileptischen Anfälle. Das Luminal hilft
hervorragend.
Lilly läuft gegen Hindernisse im Nahbereich und
stolpert durch die Gegend. Auch ihre Hörfähigkeit
ist eingeschränkt.
Wenn sie versucht, sich
zu drehen, knickt ihre Hinterhand weg und sie fällt
hin.
Bei Frustration, z.B.
wenn sie nicht an Essen auf der Anrichte kommt, jault
sie lautstark.
Ihre Aufmerksamkeit und ihr Lernvermögen ist
eingeschränkt, wahrscheinlich als Folge der unbehandelten
Epilepsie über längere Zeit (jeder Anfall
kostet Gehirnzellen). Der Hund ist offensichtlich
geistig behindert.
Was uns fast zur Verzweiflung
und an den Rand des Nervenzusammenbruches bringt,
ist ihre Hyperaktivität: Lilly läuft 21
Stunden am Tag herum, zeigt Verhaltenstereotypien
wie stundenlanges Hin – und Herlaufen, surft
unentwegt am Küchentresen hin und her, Stunden
lang, Tage lang.
Dass Lilly draußen
jeden Kothaufen findet und zu fressen versucht, ist
das Geringste der Probleme. Das kennen wir von anderen
ehemaligen Zuchthündinnen schon, wenn auch nicht
in diesem Extrem.
Auf der positiven Seite
ist zu vermerken, dass Lilly gut leinenführig
ist. Im eingezäunten Gelände kann sie frei
laufen. Sie ist nicht ängstlich und verträglich
mit Hund und Katze. Sie ist kein Futtermäkler
und Kostverächter.
02.01. 2008:
Weil wir bei
Lilly eine Entzündung und Schwellung im Halsbereich
festgestellt haben, gehen wir mit ihr zu unserem Vertrauensarzt
in Scharbeutz. Dieser nimmt sich viel Zeit (so wie
wir ihn kennen) für Lilly.
Er diagnostiziert Spondilose („Dafür brauche
ich kein Röntgengerät ! Das sieht man als
Tierarzt. Und Hunde mit längerem Rücken
neigen dazu.“). Zusätzlich stellt er eine
nervlich bedingte leicht verzögerte muskuläre
Reaktion der rechten Hinterhand fest.
Gegen die Entzündung verordnet er Antibiotika
(die auch helfen).
Er informiert uns gründlich über die Anzeichen
und Folgen von Epilepsie und gibt weiter Luminal.
Außerdem empfiehlt er Lilly vor Reizüberflutung
als möglichen Auslöser der Anfälle
zu schützen.
Er untersucht das Herz und identifiziert die sogenannten
Aussetzer als normale respiratorische Aussetzer. Außerdem
erklärt er uns, dass Lilly aufgrund ihres Alters
ein Nachlassen der Dehnbarkeit ihrer Herzklappen hat,
so dass bei jedem Herzschlag ein bisschen Blut in
die Herzkammer zurück fließt. Dies hätten
aber etliche ältere Hunde und es sei nicht lebensbedrohlich
und schon gar nicht ein Herzleiden vierten Grades.
Etwas beruhigter verlassen wir die Praxis.
02.01. – 12.01.
2008:
Wir entwickeln
ein Therapieprogramm für Lilly und setzen es
um:
Durch Luminal sind die
epileptischen Anfälle verschwunden. Wir schützen
Lilly vor Reizüberflutung, da sie zum einen bei
vielen Reizen übererregbar ist, zum anderen Reize
langsamer verarbeitet als andere Hunde und damit schnell
überfordert ist. Durch zusätzliche spezielle
Massagen und Tellington Touch wird Lilly entspannter.
Die Phasen der Hyperaktivität haben sich von
21 auf 3 Stunden reduziert. Lilly schläft dreimal
am Tag jeweils eine Stunde und die Nacht durch.
Durch Treppensteigen
und lange Spaziergänge auf unebenem Waldboden
werden Muskeln aufgebaut und die Körperkoordination
trainiert. In der Folge normalisiert sich die Funktion
der rechten Hinterhand, Lilly läuft normal und
knickt bei Drehungen nicht mehr hinten weg. Ihre Kondition
ist stark verbessert, ihre Leinenführigkeit hervorragend.
Durch eigens für
Lilly entwickelte und auf sie zugeschnittene körpersprachliche
Signale ist sie wesentlich aufmerksamer und leichter
und stressfreier zu führen.
Aus der Verzweiflung,
wo uns nur die Hoffnung getragen hat, ist jetzt Zuversicht
geworden. Lilly macht Fortschritte.
Außerdem hat sich eine ernsthafte Interessentin
gemeldet, die einen Beagle mit Epilepsie (sie nennt
das „Gewitterköpfchen“) hat und sich
als Krankenschwester gut damit auskennt. Sie wäre
bereit Lilly zu übernehmen. Solche Menschen sind
rar gesät !
12.01.2008:
Der Vertrauenstierarzt
unseres Vereins (eigentlich ein bekannter Experte
für Koi – Karpfen und Reptilien, aber mit
eigener Kleintierpraxis) untersucht Lilly und stellt
durch Befühlen fest, dass sie Gebärmuttertumore
hat. Er ist entsetzt, dass dies vorher nicht festgestellt
wurde, weil der eine seiner Ansicht nach sofort tastbar
ist.
Außerdem sichtet
er die CT – Aufnahmen und findet eine Wasseransammlung
im Gehirn (die die Fachpraxis nicht gefunden hat),
seiner Meinung nach verursacht durch ein körperliches
Trauma (Sturz, Stoß, Schlag), welches aber vom
Körper nach und nach abgebaut wird.
Die Diagnose Krebs ist
ein schwerer Schlag für uns alle. All das Bemühen,
der Einsatz ! Und was das Wichtigste ist: Dieser Hund
will leben !
Unser Tierarzt bietet
an, Lilly kostenlos zu operieren. Wir entscheiden
gemeinsam schweren Herzens und mit Tränen in
den Augen, dass sie nicht mehr aus der Narkose erwachen
soll, wenn Metastasen in anderen Organen gefunden
werden. Wir haben alles getan, was humaner Tierschutz
verlangt, was getan werden konnte und musste. Wenn
der Hund schon nicht in Würde und ohne Leid gelebt
hat, so soll er in Würde sterben und danach ein
schönes Begräbnis und ein schönes Grab
bekommen. Aber vorher kämpfen wir noch ! Bis
zur Operation bleibt sie in unserer Obhut. Außerdem
bekommt sie ein anderes Medikament gegen die Epilepsie
mit weniger Nebenwirkungen (welches ebenfalls wirksam
ist).
17.01. 2008:
Lilly wird operiert.
Während der Operation bekommt sie einen epileptischen
Anfall. Da unser Tierarzt darauf vorbereitet war,
bekommt er die Komplikation in den Griff. Er rettet
Lillys Leben. Da keine Metastasen gefunden werden,
darf sie weiter leben. Eine gute Nachricht, die uns
alle glücklich macht. Außerdem haben wir
jetzt zwei Interessenten, die Lilly trotz ihrer Krankheitsgeschichte
gern haben möchten. Der zweite ist unser erster
Vorsitzender, Henri Hiesener. Allerdings müssen
wir noch seine Frau Christa überzeugen, einen
weiteren Hund in das bestehende Rudel aufzunehmen.
Abends holen wir Lilly bei Christa ab, wo sie nach
der Operation hingebracht wurde.
18.01. 2008:
Lilly ist noch
angeschlagen und müde nach der Operation, hat
nicht so rechte Lust sich zu bewegen und schläft
viel.
19.01. 2008:
Henri und Christa
kommen überraschend vorbei. Christa hat sich
in Lilly verliebt, als sie den Hund nach der Operation
betreut hat. Lilly darf jetzt in einem Rudel leben
mit Marlowe (Foxhound, 5 Jahre), Lovely (Beagle, 12
Jahre) und Shanti (Neufundländer, 9 Jahre). Besser
hätte es Lilly nicht treffen können.
19.01. 2008 –
29.01. 2008:
Lilli lebt sich
gut ein und wird vom Rudel sofort integriert. Sie
schläft viel und fühlt sich bei guter Pflege
sehr wohl.
Soviel zu Lillys Geschichte.
Mögen noch viele gute Tage vor ihr liegen !