Ein ganz normaler Hund?!
von Iris Alberts
Sally ist
nun fast 15 Monate bei uns und da ist nichts mehr,
was sie von Hunden mit anderer Vorgeschichte unterscheidet.
Sicher,
auch sie war schreckhaft und ängstlich, als sie
zu uns kam. Sie wagte es kaum, sich schlafen zu legen
und die Augen fielen ihr zu, während sie fluchtbereit
dasaß. Der Staubsauger versetzte sie in höchste
Panik und ihr unbekannten Menschen begegnete sie vorsichtig.
Dass man getrockneten Pansen oder Schweineohren tatsächlich
fressen kann, musste sie lernen. Berührungen
ließ sie stets widerstandlos über sich
ergehen, allerdings machte es nicht den Eindruck,
als würde sie es genießen.
Das alles
war nicht schlimm, denn wir hatten nichts anderes
erwartet. Ich habe oft neben dem schlafenden Hund
gesessen und mir schauerliche Laborgeschichten ausgedacht.
Wenn wir unterwegs anderen Menschen begegneten, erklärte
ich ihre Zurückhaltung unaufgefordert mit ihrer
Laborvergangenheit und löste damit die immer
gleichen Reaktionen aus: "Mein Gott, der arme
Hund, wie furchtbar!"
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Sobald
ich Sally nicht durch die Laborbrille wahrnahm, zeigte
sich ein anderer Hund: ich war erstaunt, wie instinktsicher
sie sich Artgenossen gegenüber verhielt und wie
vehement sie Leckerlis verteidigte. So beschloss ich,
den Filter ihrer Labor-vergangenheit beiseite
zu schieben. Hunde leben in Hier und Jetzt - wenn
wir sie lassen. Auch Labortiere müssen nicht
"in Watte gepackt werden". Ich verab-schiedete
mich von meiner ursprüng-lichen Intention, der
armen Kreatur ein warmes und fürsorgliches Plätzchen
zu bieten, ohne Anforderungen, einfach für sie
da zu sein. In dem Hund steckt wesentlich mehr: sie
möchte gefordert werden!
Wir begannen
zu clickern. Nicht, damit sie Kommandos wie SITZ und
PLATZ präzise ausführt (das ist ein netter
Nebeneffekt), sondern, damit sie beginnt, kreativ
mit ihrer Umgebung umzugehen. Dieser Hund, der Spielzeug
kategorisch abge-lehnt hatte, hatte plötzlich
einen Riesen-spaß dabei, Plastikflaschen umzuwerfen
und konnte sehr bald Gegenstände unterscheiden.
Hochkonzentriert ist sie bei der Sache, sobald ich
den Clicker hervorhole. Sie fordert mich zum Spielen
auf und geht inzwischen auch ganz forsch auf Besucher
zu. Auch ihr Verhältnis zum Staubsauger hat sich
gewandelt - aus Angst ist Unmut geworden, den ich
im Übrigen teile, denn das Gerät macht einen
Höllenlärm.
Ich möchte
mit diesem Beitrag andere Menschen, die Labortiere
adoptieren, dazu ermutigen, die Vergangenheit ruhen
zu lassen. Es macht überhaupt keinen Sinn, über
Einzelheiten des Laborlebens zu grübeln. Schauen
Sie mit den Hunden nach vorne - wir können so
viel voneinander lernen und viele Jahre in Freiheit
genießen.
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